Nülli packt seine Fäuste in die Hosentaschen und folgt Rina den schmalen Pfad hinauf, über lose Steine und knirschende Kiefernadeln. Rina bleibt stehen und wedelt mit dem Rucksackgürtel, während ein warmer Duft von geschmolzenem Berggras aufsteigt. "Gib auf, wenn du willst", ruft sie über die Schulter, und Nülli zieht die Lippen zusammen, ohne zu antworten.
Ein Bach quillt über die Ufer und blockiert den Weg, seine schäumende Oberfläche wirft das Licht der tiefstehenden Sonne in tausend blinkende Splitter. Nülli tritt zurück, seine Schuhspitzen trommeln nervös auf dem nassen Stein. Rina hüpft auf einen flachen Felsvorsprung, dann auf den nächsten, ihre Bewegung ist flink wie eine Eidechse, und sie streckt ihm die Hand entgegen.
Als Nülli den dritten Sprung wagt, rutscht er aus und landet mit einem lauten Platschen im flachen Wasser, sein ganzer Unterkörper ist durchnässt und er zittert vor Kälte. Ein Bergsteinbock erscheint hinter einem Wacholderbusch, betrachtet ihn lange mit seinen goldenen Augen und knabbert dann genüsslich an Nüllis abgebrochenem Rucksackgurt. "Der mag deinen Rucksack mehr als dich", sagt Rina und lacht, während der Steinbock mit einem Schnalzen davontrabt.
Dann reißt die Wolkendecke zur Seite wie ein gewaltiger Vorhang, und der Gipfel des Rinerhorns enthüllt sich — ein riesiger Granitblock, der weit über die Wolken hinausragt. Nülli klettert die letzten Meter, seine Hände werden rot am kalten Fels, und als er oben ist, bleibt er stehen und starrt hinunter auf die endlose Welt aus grünen Tälern und silbrigen Gletscherseen.
Rina ist schon da, sie hat sich auf den Felsrand gesetzt und winkt ihm wild zu, ihr Haar flattert im Hochgebirgswind.
Nülli zieht sich mit roten, brennenden Händen über den letzten Fels, die kalte Granitkante ritzt seine Finger. Er zieht sich hoch, atmet schwer, und steht endlich oben — die Welt liegt unter ihm, grün und silbern und endlos.
Sie setzen sich nebeneinander auf den sonnenwarmen Fels, und Nülli zieht eine zerknitterte Schokolade aus der Tasche, bricht sie in zwei Stücke und reicht ihr das größere. Die Berge leuchten in warmem Gold und Rosa, und weit unten glitzern die ersten Lichter der Davoser Häuser im Tal.
Nülli lehnt sich leicht gegen Rina, und sie blicken gemeinsam hinunter, ohne ein Wort zu sagen. Die Berge halten die Stunde des goldenen Lichts, und das Tal unten wird still und tief.