Timo steht am Fenster des Klassenzimmers. Sein Gesicht ist nahe an der kühlen Scheibe. Draußen leuchtet das Brandenburger Tor im Morgenlicht. Mit dem Finger zeichnet er ein großes A in den beschlagenen Glase. Dann hallt ein Karton auf seinem Tisch.
Timo tippt mit einem roten B-Block auf dem Tisch. Tap, tap, tap. B wie Berlin. Er greift nach einem grünen W-Block. Er vibriert leicht in seiner Hand. Seine Augen werden groß. Drei Blöcke stehen wackelig — und fallen mit einem Klacken zu Boden. Timo beginnt neu.
Auf dem Spielplatz läuft Timo im Kreis. Rutsche! ruft er. Ein Mädchen lacht auf der Rutsche. Schaukel! ruft er wieder. Die Ketten knacken. Ein Junge streckt die Zunge heraus für das sch. Timo und der Junge krepellen vor Lachen.
Zurück im Klassenzimmer zieht Timo mit dem Finger über den großen Buchstaben-Poster. Sein Finger bleibt am ß hängen. Der Buchstabe schimmert. Er löst sich vom Papier und landet mit einem leisen Plopp auf Timos Nase. Achteschung! niest er. Der ganze Raum lacht. Der Buchstabe macht eine Verbeugung.
Nach der Schule läuft Timo am Brandenburger Tor vorbei. Ein Tourist steht mit einer zerknautschten Karte da. Entschuldigung, ruft Timo. Er zeigt Richtung Alexanderplatz. Der Mann lächelt dankbar. Timo winkt und geht weiter nach Hause.
Der Tourist bedankt sich auf Deutsch. Timo nickt. Seine Schritte werden leichter. Seine Schritte werden sicherer. Berlin klingt jetzt anders für ihn. Jede Straßentafel ist ein neues Wort. Jedes Schild ist ein kleines Abenteuer.
Am Morgen steigt Timo in den Bus. Die ältere Frau mit dem grauen Zopf lächelt ihn an. Timo sagt Guten Tag. Die Frau lacht leise. Timo wiederholt: Guten Tag. Noch einmal. Noch einmal. Das Wort fühlt sich gut an.
Timo geht durch die große Halle des Reichstags. Das Glasdach leuchtet blau am Himmel. Stimmen hallen durch den Raum. Jemand sagt: Bitte schön. Timo lächelt. Er versteht. Diese Sprache gehört jetzt auch ihm.
Timo sitzt am Fenster des Busses. Die Stadt zieht vorbei. Brandenburger Tor. Berliner Dom. Museuminsel. Jedes Zeichen ist ein kleines Wort. Jedes Wort ist ein kleiner Schritt. Timo lernt die Stadt kennen. Buchstabe für Buchstabe.
Zuhause angekommen, zieht Timo seine Schuhe aus. Am Tisch liegt sein B-Block. Er nimmt ihn in die Hand. Tap, tap, tap. B wie Berlin. B wie Buchstabe. B wie Bonjour. B wie... Berlin. Er lacht leise.
Am nächsten Morgen läuft Timo zur Schule. An der Ecke stoppt er. Ein Schild: U-Bahn. Ein anderes: Exit. Er liest sie laut. U-Bahn. Exit. Die Wörter klingen wie Musik. Timo geht weiter. Die Stadt wartet.
Abends steht Timo wieder am Fenster. Das Brandenburger Tor leuchtet in goldenem Licht. Er drückt seine Hand gegen die Scheibe. Morgen werde ich mehr Wörter können. Morgen werde ich mehr sagen. Die Stadt atmet. Und Timo atmet mit.