Iary schreibt dieselbe Zeile dreimal auf ihrem Holztisch nach, die Finger mit Kreide schwarz bestäubt. Auf dem gepflasterten Hof rennen die anderen Kinder davon, ihr Lachen verliert sich in der Ferne. Ihr Tisch knarrt. »Komm spielen!« ruft eine Stimme an der Tür. Ihr Bleistift kratzt bereits die vierte Zeile. Ihre Augen lassen die Seite nicht los.
Die Tage dehnen sich zu Wochen aus. Auf dem Holztisch wächst der Stapel Übungsblätter, Kante an Kante. Der Abend senkt sich. Iary bindet einen gebrochenen Bleistift mit einem Stück Stoff an einen anderen, die Finger konzentriert. Das letzte Licht streckt seinen Schatten über die ockerfarbenen Wände.
Der Wind schmettert die Tür zu. Ihre Seiten streuen sich über die Pflastersteine, wirbeln im kalten Luftstrom. Iary hockt sich auf den Stein, hebt Blatt um Blatt auf. M-M-M, flüstert sie hinter den Lippen, die Finger schon wieder mit Kreide schwarz. Die Stille des Hofs wird nicht milder.
Die Lehrerin hebt das Übungsheft an. »Zweiundzwanzig Wiederholungen derselben Lektion«, liest sie vor, die Stimme ruhig. Die Klasse hält den Atem an. Die Reihen von Tischen verstummen. Ein Rascheln von Seiten. Dann eine totale Stille, schwer wie Kreidestaub auf den ockerfarbenen Wänden.
»ZWEIUNDZWANZIG?!« Das Lachen rollt durch die Reihen. Ein, zwei, drei Ausbrüche. Iarys Kinn senkt sich, zieht sich zusammen. Dann richtet es sich. »Dreiundzwanzig«, sagt sie, ganz leise. Auf der nächsten Seite ist die dreiundzwanzigste Zeile schon halb fertig, der Bleistift zittert kaum noch.
Iary, jetzt größer geworden, steht vor demselben Klassenzimmer. Die Holztische sind vor ihr aufgestellt. Mit einer sicheren Hand schreibt sie einen Buchstaben an die Tafel – kein Zittern, kein Radieren. Sie dreht sich zu den kleinen Kindern unten um. »Wiederholt nach mir.«
Der Raum füllt sich mit winzigen Stimmen: »M-M-M.« Hundert Münder, ein einziger Klang, der an den ockerfarbenen Wänden zurückprallt. Ihre Finger sind mit Kreide schwarz, genau wie im Alter von sechs Jahren. An der Tafel ein M. Sie schreibt ein zweites direkt darunter. Zwei M nebeneinander, im grauen Staub.
Die Kinder strömen in den gepflasterten Hof, laut rufend. Iary steckt den alten, mit Stoff verbundenen Bleistift in ihre Tasche und geht zur Tür. Das Morgenlicht überstrahlt die ockerfarbenen Wände, flutet die Pflastersteine mit Gold. Zwei M bleiben an der Tafel, bleich im Staub. Sie blickt nicht zurück.
